Chronik & Architektur unserer Atriumsiedlung

1. Die Geburtsstunde & Das Konzept (1962–1963)

Die Wurzeln unserer Siedlung in Ottobrunn reichen bis in das Jahr 1962 zurück, als der wegweisende Bebauungsplan aufgestellt wurde. Konzipiert vom Münchner Architekten Herbert Kochta, brach das städtebauliche Konzept radikal mit den traditionellen, oft starren Formen des Nachkriegswohnbaus. Statt eintöniger Reihen- oder Doppelhäuser setzte Kochta auf ein hochmodernes Teppichsiedlungs-Modell. Ziel war eine perfekte Balance aus zwei Welten: eine geschützte, absolut private Sphäre im Inneren des Hauses und ein lebendiger, gemeinschaftlicher Raum im Außenbereich.

2. Der Vertrieb & Bauabschnitt 2: Moderne Kaufeigenheime (1966)

  • Wirtschaftlicher Erfolg im Wettbewerb: Die Siedlung wurde von einem Bauträger realisiert, der die Häuser als exklusive Kaufeigenheime anbot. Sie mussten sich damals auf dem Markt in Konkurrenz zu wesentlich billiger angebotenen Standard-Reihenhäusern behaupten – was dank der herausragenden Architekturqualität auch glanzvoll gelang.
  • Der Original-Prospekt zum BA 2 (1966): Die Vermarktung des Bauabschnitts 2 im Jahr 1966 verdeutlicht, wie präzise auf die Wünsche anspruchsvoller Käufer eingegangen wurde. Zur Auswahl standen im Wesentlichen zwei durchdachte Haustypen mit klarer Trennung in Wohn- und Schlaftrakt:
    • Haustyp A: Mit ca. 136 qm Wohnfläche, 4 Schlafzimmern, separatem Essraum, Hausarbeitsraum und einer Teilunterkellerung (Grundstücksanteil ca. 290 qm, damaliger Kaufpreis: 160.000 DM).
    • Haustyp B: Ein kompakterer Winkeltyp mit ca. 115 qm Wohnfläche, 3 Schlafräumen und einem charakteristischen, überdachten Sitzplatz direkt im Innenhof (Grundstücksanteil ca. 260 qm, damaliger Kaufpreis: 140.000 DM).
  • Materialität und Design: Der Prospekt von 1966 warb mit edlen, aufeinander abgestimmten Materialien. Das weiß gestrichene, verfugte und zweischalige Kalksandstein-Sichtmauerwerk bildete einen harmonischen Kontrast zu den dunkelgrau bzw. dunkelgrün gestrichenen Holzfenstern, die bereits mit moderner Thermopaneverglasung ausgestattet waren. Die Flachdächer wurden als solide Holzkonstruktion (Warmdach mit Kiesschüttung) ausgeführt. Im Inneren bestachen die Häuser durch Echtholzparkett in den Wohnräumen, voll geflieste Bäder und edle Natursteinbeläge in den Fluren und Windfängen.

3. Fachliche Anerkennung: Die Baumeister-Broschüre (Dezember 1966)

Im Dezember 1966 fand das Projekt auch in der Fachwelt höchste Anerkennung, als die renommierte Architekturzeitschrift „Baumeister“ (Callwey Verlag, München) dem Atriumwohnquartier einen ausführlichen Bericht widmete. Gewürdigt wurden insbesondere die städtebaulichen Finessen: Sämtliche Garagen wurden konsequent an den äußeren Eingängen der Siedlung konzentriert. Das Innere des Quartiers blieb vollkommen autofrei und war ausschließlich Fußgängern vorbehalten (Befahren nur im absoluten Notfall wie Umzug oder Feuerwehr erlaubt). Um die Fußgängergassen lebendig zu gestalten und nicht zu reinen „Erschließungskorridoren“ abzuwerten, ließ Kochta die Fenster von Küchen und Nebenräumen bewusst zu den Gassen hin ausrichten.

Mit freunlicher Genemigung der Georg GmbH & Co. KG https://www.baumeister.de/ https://www.georg-media.de/

4. Das Atrium als private Oase

Das Herzstück jedes Hauses bildete der völlig abgeschlossene, uneinsehbare Gartenhof (Atrium) mit einer Größe von etwa 70 bis 80 qm. Ausgestattet mit Waschbetonplatten und einem kleinen Wasserbecken, bot dieser bewohnbare Außenraum maximale Privatsphäre. Wichtige Wohn- und Schlafräume öffneten sich ausschließlich zu diesem privaten Hof hin, sodass Mütter dort beispielsweise ungestört ein Sonnenbad nehmen und Kinder absolut geschützt vor fremden Blicken spielen konnten.

5. Das soziale Leben & Die berühmte Brunnen-Anekdote (1975)

Bis zum großen Reportage-Porträt im Magazin „Schöner Wohnen“ im Juni 1975 hatte sich in den 28 Wohneinheiten – besiedelt von einer bunten sozialen Mischung aus gehobenem Mittelstand, darunter Ärzten, Bürovorstehern und Künstlern – ein echtes Gemeinschaftsgefühl entwickelt.

  • Die Plätze als Begegnungsorte: Kochta hatte zwei zentrale Plätze eingeplant, die sich über ein H-förmiges Wegesystem erschlossen. Einer der Plätze diente als lebendiger Kinderspielplatz mit Sandkiste, Schaukeln und Klettergerüsten. Der andere Platz wurde als Brunnenplatz zum sozialen Zentrum, auf dem die Nachbarschaft rauschende Weinfeste feierte.
  • Die Geschichte des versiegten Brunnens: Der aus Waschbeton und grobem Kies gestaltete Brunnenplatz sorgte jedoch für eine der charmantesten Anekdoten unserer Siedlungshistorie. Das nächtliche Plätschern des gewaltigen Betonbrunnens spaltete die Gemüter: Während die einen es als wohltuend für angespannte Nerven empfanden, war es für die direkten Anwohner nervenaufreibend. Schließlich siegte die Partei mit den schwächeren Nerven und das Wasser wurde dauerhaft abgestellt*. Auch der Plan einer gemeinsamen Fernheizung scheiterte am ausgeprägten Individualismus – die Eigentümer heizten lieber auf eigener Flamme im individuellen Ölkeller. Dennoch blieb die Siedlung vor allem eines: Ein absolutes Kinderparadies.

    *Anmerkung: Heute darf der Brunnen wieder Plätschern, mittlerweile dank der Gemeinde Ottobrunn, die sich mit dem Zweckverband um Haltung und Wartung des Brunnens kümmernt

Erschienen 1975 in Schöner Wohnen https://www.schoener-wohnen.de

6. Unser Erbe heute

Da sich das Baugelände der Gemeinde Ottobrunn damals nur bis zu den äußeren Garagenanlagen erstreckte und direkt an grüne Wiesen und Felder grenzte, erlaubten die geschickt geplanten Lücken zwischen den Häuserreihen einen freien Durchblick in die Natur. Dies verlieh der Siedlung eine bis heute spürbare, großzügige Weite. Die Atriumsiedlung ist und bleibt ein zeitloses, architektonisches Juwel und ein lebendiges Denkmal moderner Wohnkultur